Dekompressionstauchgänge

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Allgemeines über Dekompressionstauchgänge

Nullzeit Tauchgänge kennt ihr und habt auch bei eurer konventionellen Tauchausbildung gelernt, dass diese einen direkten Aufstieg zur Oberfläche beinhalten (sollen ...).

Weiterhin habt ihr anhand einer Standard-Lufttabelle (Austauchtabelle, Deko Tabelle) gelernt, wie ihr solche TG plant und wie gross die maximale Aufstiegsgeschwindigkeit sein soll und wie ein Sicherheits-Stopp durchgeführt wird.

Bei einem sogenannten Dekompressions-Tauchgang (Deko TG), im Gegensatz zu einem Nullzeit TG, muß man beim Auftauchen eine Reihe von Stopps in bestimmten Tiefen für bestimmte Zeiten einhalten.

Rein technisch gesprochen ist also jeder TG ein Deko-TG, da De-kompression nichts anderes als Druckentlastung bedeutet. Der Unterschied liegt lediglich in der Prozedur des Aufstiegs.

Hier einige Beispiele für Nullzeitgrenzen und max. Aufstiegsgeschwindigkeiten:

Ganz nett zu wissen: hinter den 18 m/min steht kein unumstössliches physikalisches Gesetz,
sondern der Wille zur Einfachheit in den Manuals der Navy: dies war der arithmetische Mittelwert
aus den Aufstiegsgeschwindigkeiten der langsameren Helmtauchern und den schnelleren Kampftauchern.

Da auch die Nullzeitgrenzen für den ersten TG des Tages bereits stark schwanken (+/- 20 - 25 %) ist auch hier keine absolute Natur wirksam, sondern jede Menge physiologischer Annahmen und Statistik!

Spannend wird das Ganze, wenn wir einen Wiederholungs-TG machen:
dazu benötigen wir die Wiederholungs-Gruppe (Wdh-Gr) und die Dauer der
Oberflächenpause (OFP). Beim Beispiel sei die OFP = 60 min, die
angegebene Restnullzeit ist dann die maximale Tauchzeit für diesen Wdh-TG als Nullzeit TG.

Wir sehen also jetzt etwas genauer, wie die unterschiedlichen Modelle / Tabellen zuschlagen!
Die Schwankungen bei den Restnullzeiten betragen jetzt bis zu 500 % !!!
Und so auch die Sicherheit?

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Tabellenhandhabung

Hier ein einfaches Beispiel: ihr macht einen TG zur "JURA" (Wrack im Bodensee, im Konstanzer Trichter auf ca. 38 - 39 m, je nach Wasserstand).

Um das ganze Wrack abzutauchen, laßt ihr euch ca. 18 Minuten Zeit. Das Wasser ist kalt im Januar (dafür ist die Sicht gut ...).

Ihr schaut in eine Tauchtabelle (z.B. die DECO 2000 vom Maxe Hahn). Dort findet ihr bei 39 m und 18 min folgenden Eintrag:
6 m / 3 min, 3 m / 7 min, F


Das bedeutet dass ihr:
in 6 m Tiefe 3 min blieben müßt und dann danach noch auf 3 m Tiefe für 7 min.
Insgesamt hat sich eure Tauchzeit (nicht die Grundzeit) um 10 min verlängert. Hierfür benötigt ihr natürlich auch Luft.

Der Buchstabe "F" bedeutet die Wiederholungsgruppe (Wdh-Gr) und ist einfach ein Kennzeichen für eine berechnete (= angenommene) Stickstoffsättigung im Körper bzw. in einem sogenannten Kompartiment.
Ein Kompartiment ist ein mathematisches Modell für verschiedene Körpergewebe und hat eine definierte Halbwertszeit (HWZ) in Minuten.
Auch mit diesen HWZ ist es nix mystisches: HWZ sind im Wesentlichen die Kehrwerte
der Durchblutungsraten dieser Modellgewebe (verziert mit Löslichkeitsbeiwerten).

Wollt ihr auf die sichere Seite gehen in puncto Luftverbrauch und Kälte bei diesem TG, so solltet ihr zum Zwecke der Planung bei der nächstgrösseren Tiefe und / oder der nächstgrösseren Zeit (oder aber beides annehmen), also bei z.B.:
bei 39 m und 21 min oder aber bei:
42 m und 19 min nachschauen (9 m / 2 min, 6 m / 4 min, 3 m / 10 min).
Das tatsächliche Tauchprofil sieht dann so aus: nach 18 min. auf 39 m taucht ihr langsam auf 9 m auf, dort bleibt ihr ca. 2 min, dann langsam auf 6 m Tiefe, wo ihr ca. 4 min verbringt, danach gemütlich auf 3 m um die restlichen 10 min abzusitzen.
Für diese zusätzliche Tauchzeit von 16 min benötigt ihr ca. 800 Liter (16 * 2 * 25, d.h. mit einem Oberflächen AMV von 25 L / min abgeschätzt + Sicherheit) Pressluft, d.h. mit einem 12 l Tauchgerät kann es dann schon eng werden. Wie kriegt ihr das genau in den Griff? ...

Wenn wir uns jetzt nochmal die Wdh-Gr ins Gedächtnis rufen:

erkennen wir: die Wdh-Gr bleibt gleich für alle diese TG: das Raster ist also relativ grob. Warum ist das so?

Und was hat kaltes Wasser mit der nächstgrößeren Tiefenstufe oder der nächstgrösseren Zeit zu tun?
(u.a.: Gesetz von Henry, Veränderung der Durchblutung)

Natürlich geben andere Tabellen (andere Computer) auch andere Dekompressionsprofile an. Was ist die Ursache hierfür? ...
Obiges Beispiel mit 39 m / 18 min liefert:

Desweiteren ist es so, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, wie mit Kälte und Anstrengung zu planen ist: diese Meinungen ändern sich auch im Laufe der Zeit, bedingt durch sich wandelnde Ansichten hinsichtlich der sogenannten "kritischen Übersättigung".
Hier einige Beispiele (die [Nr.] ist die Referenznummer meiner Literaturliste):

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Computerhandhabung

Der Tauchcomputer kann euch natürlich bei der Durchführung dieses TG unterstützen!
Dazu solltet ihr die Anzeigen eures Computers im Schlaf beherrschen!
Üblicherweise wird neben der aktuellen Tiefe (DEPTH 39 m) und der aktuellen Grundzeit (BOTTOM 17 min)
auch die erforderliche gesamte Austauchzeit angegeben und wo und wielange der erste Deko-Stopp stattzufinden hat (REMAINTIME)

(Bem.: DEC = Decompression, P bedeutet den Sauerstoffpartialdruck, ASCENT ist die Darstellung der Aufstiegsgeschwindigkeit)

In diesem Fall ist die Ceiling (engl. = Decke) auf 12 m: d.h. ihr taucht langsam bis ca. 12 m auf und beginnt dann eure Stopps!

Hier sehen wir das Computer-Display beim Aufstieg vom Stopp in 6 m Tiefe nach 3 m Tiefe, es wird die jetzt noch erforderliche Stopp-Zeit in 3 m angezeigt (7 min), die Tauchzeit ist bereits bei 26 min.

Manche Computer geben euch auch zusätzlich noch sogenannte "tiefe Stopps" (deep stops) an,
bei diesem TG (mit einem anderen Computer) z.B. auf 22 m/2 min und auf 14 m/1 min (sowie 6m/1 min, 4,5m/10 min).

Weitere interessante Fragen:

Diese und andere Fragen werden dort beantwortet:

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Inertgasblasen

Bei jeglicher Druckreduzierung, egal ob beim Auftauchen, beim Fliegen, bei den Astronauten im All oder bei einer Fahrt über einen Berg entstehen im Körper Mikrogasblasen.

Bis zu einem gewissen Maße kann der menschliche Körper damit leben und ein Teil wird über die Lungenkapillaren ausgefiltert und abgeatmet: gibt es aber zuviele Blasen und/oder werden diese zu gross, dann sind wir auf der Schwelle zur Dekompressionskrankheit (DCS, decompression sickness).

Die Anzahl und die Grösse der Blasen hängt ab von der Tiefe und der Dauer unseres Tauchganges sowie der Aufstiegsgeschwindigkeit.

Tauchtabellen / Tauchcomputer sollten uns helfen, solche Tauchprofile zu tauchen, bei denen DCS keine Gefahr darstellt.

Traditionellerweise ist dies der Ansatz für die euch bekannten Nullzeit-TG.

Es gibt aber, wie oben schon angedeutet, Messungen über das Auftreten von Stickstoffblasen auch bei Nullzeit-TG: wir sehen diese Messung (30 m, 20 min) im Vergleich mit denselben TG, nur statt mit einem direkten Aufstieg zur Oberfläche mit diversen Sicherheits-Stopps:

Deutlich sieht man die Blasenanzahl auch bei diesem Nullzeit-TG und das die Blasen wesentlich reduziert werden können, wenn Stopps auf 3 m eingelegt werden!

Noch deutlicher jedoch ist die Reduzierung mit einem noch tieferen Stopp zusätzlich auf 6 m!

Auch ganz nett zu wissen: diese Idee der "tiefen Stopps" wurde bereits 1908 von Haldane angedacht und geriet irgendwie in Vergessenheit. Eine streng wissenschaftliche Begründung wurde bereits in 60'gern von Hills, B.A. geliefert.

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Austauchmuster / ascent pattern (© ALBI)

Noch ein paar Zahlen zu Nullzeit-TG:
es wurden 163.400 Nullzeit-TG nach der USN, Version 1983 Tabelle in Tiefen zwischen 6 und 16 m untersucht: 48 hatten DCS Probleme.

Genau deshalb hat sich bei vielen Tauchprofis folgendes Austauchmuster, gerade bei langen
"Nullzeit-TG" durchgesetzt:

12 m / 1 min, 9 m / 1 - 2 min, 6 m / 4 min, 3 m / 2 min.

Also immer dann, wenn der Computer meint, ihr könntet geradewegs zur Oberfläche durchstarten, noch ein bisschen langsam tun ... Zeigt euer Tauchcomputer in der Tiefe bereits Dekozeiten an, dann diese Zeiten zum Austauchmuster addieren.

Interessanterweise entspricht dies in etwa dem Konzept, welches 2001 im DSL Projekt entwickelt wurde:
das DSL Projekt ist das Diving Safety Laboratory von DAN / Uwatec.

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RGBM Infos

Die Deco 2000 kam Anfang 2000 auf den Markt und ist seither unverändert:
ein langer Zeitraum für eine Deko-Tabelle, wenn man berücksichtigt, dass Tabellen
mit Stufendekompression aus dem Jahre 1907 sind (und damit gerade mal ca. 100 Jahre alt sind...)

NAUI hat bereits 2002 einen kompletten Satz von RGBM Tabellen für Luft, Nitrox 32 und Nitrox 36
für Normalnull und zwei Bergseestufen (bis 1.800 m und bis 3.000 m) herausgebracht (siehe auch [60]):
(hier ein kleiner Ausschnitt aus der NAUI RGBM-Lufttabelle, bitte beachtet die copyrights! ©: NAUI)

Zur Benutzung der RGBM Tabellen müsst ihr einige Bedingungen ganz genau einhalten.
Diese Bedingungen betreffen:

Wie sofort zu erkennen ist, wäre unser Jura-TG mit dieser Tabelle nicht zu bewältigen:
ganz links, 1. TG, max. Tiefe 40 m, max. GZ 10 min.
Deshalb müssen wir die RGBM Deko-Tabellen für Luft zu Rate ziehen.
Für die Tiefen 39 und 42 m und 20 bis 25 min Grundzeiten sehen die RGBM Lufttabellen
(copyrights: © RGBMdiving.com; neu: Stand 2004) so aus:

Auch mit diesen Tabellen müssen die oben genannten Verfahren beachtet werden!

Zur Benutzung müssen jedoch noch zusätzliche Bedingungen genau eingehalten werden:

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eine ganz spezielle Tabelle

hierzu das Kontrastprogramm: Tabelle mit max. 0,4 Bar Übersättigung

Von Maxe Hahn stammt diese Tabelle (aus dem Jahre 1992 für ein UHMS Meeting),
hier zum Vergleich nur zwei kurze Auszüge für 39 und 42 m:

Auch diese Tabelle entspricht in etwa dem DSL - PMRC Konzept von 2001:
PMRC bedeutet: Proportionale Reduktion der M-Werte.

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Hi-Litez aus den 90'igern / Verschiedenes ab 2000

Seit geraumer Zeit gibt es neue Forschungsergebnisse, statistische Methoden und viel Experimente an Labortieren.
Diese Erkenntnisse sind an den traditionellen Tabellen-Machern spurlos vorübergegangen.
Warum? Ganz einfach: die meisten der neuen Ergebnisse sind gerade mal 5 bis 10 Jahre alt. Und brauchen eine Weile,
bis sie ihren Weg von den Navies dieser Welt und den Forschungslabors zu den Sporttauchern gemacht haben ...

hier ein paar neue Hi-Litez:

Die Links zu den aktuellen Forschungsergebnissen findet ihr unter diesem Kapitel in der der Link-List.

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die United States Navy Tabelle, Revision 6 (04/2008)

Die Tabelle aus Rev. 3 von 1993 basierte auf den Änderung durch den NEDU Report #13 von 1983. Durch diesen Report wurden Schreib-/Rechenfehler der Tabelle korrigiert. In der Revision 3 wurde die Aufstieggeschwindigkeit von bisher 60 auf 30 feet / min. reduziert: somit hat die USN, Version 1983 Tabelle Stand heute ca. 25 Jahre auf dem Buckel!

Die hohe Anzahl von DCS bei langen und/oder tieferen TG sollte reduziert werden. Ausgangspunkt waren die Forschungen von Dr. Edward D. Thalmann, Captain, Medical Corps, U.S.Navy (now retired) sowie Beiträge der Herren Edward Flynn und Wayne Gerth.

Die Forschungen kulminierten in modifizierten M-Werten, die in mehreren tausend Druckkammerversuchen bei der NEDU getestet wurden.

Die wenigsten DCS Hits hatte das System VVAL18, genannt nach der entsprechenden Variablen im FORTRAN Source Code.

Womit wartet nun die neue, Tabelle von 04/2008, Revision 6 auf? Hier das Wichtigste in aller Kürze:

Hier mein "Test"-TG: 42 m

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ein abschliessendes Beispielchen ...

Wir wollen abschliessend nochmals kurz die Zahlen vom Anfang hernehmen:
wir planen 3 TG mit folgendem Profil:
18 m / 45 min, 1 h OFP, 18 m / 25 min, 1 h OFP, 18 m / 25 min:
"effektiv" bedeutet hier im Sinne des Wortes: wirksam, für die Tabellenberechnung.

Wozu das Beispiel?
Wir sehen ganz deutlich:

Ein Nullzeit-TG nach einer Ausbildungsmethode, sogar ganz ohne empfohlene Sicherheits-Stopps kann nach einer anderen Methode
entweder verboten / nicht durchführbar sein, oder aber
bereits ein TG mit einem zwingend erforderlichen Deko-Stopp sein;
bzw. das sogar ein Stopp mit beträchtlicher Länge unter O2-Atmung vorgeschrieben ist

Die ganz einfache und klare Botschaft ist die:
die scharfe Trennung zwischen Nullzeit- und Deko-TG, die uns so manches Ausbildungssystem vorgaukeln will,
ist so scharf nicht ....

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Neugierig geworden?

Vielleicht sehen wir uns bei diesem Kurs in Esslingen ...

Wer noch tiefer in diese Thematik einsteigen will und auch entsprechende Vorkenntnisse hat, der sei
in diesem Workshop herzlich willkommen.


gute Bücher zu diesen Themen:


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